Wir leben in ernsten Zeiten und sind dennoch eine infantile Gesellschaft. Dieses Buch handelt von beidem. Von der Art, wie wir miteinander umgehen, und von den Strategien, uns den anderen vom Leib zu halten. Von der Mündigkeit, auf die wir lustvoll verzichten, und von den Wegen heraus aus der Unreife. Von der Verantwortung, die wir bei anderen einklagen, und der Verantwortung, die wir selbst scheuen, als wären wir Kinder. Und wie beides zusammenhängt, obwohl es paradox erscheint. Dieses Buch handelt von zwei Seelen in unser aller Brust, auch in meiner. Ich muss Sie darum warnen: Auch von mir wird in diesem Buch die Rede sein.

Die infantile Gesellschaft ist keineswegs eine Erscheinung neueren Datums, wenngleich sie nie ausgeprägter schien als heute. In einem Aufsatz von 1932, erschienen an Heiligabend im »Chicago Herald«, klagt der Schriftsteller Aldous Huxley: Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts habe ein »morbider Kult des Infantilen« eingesetzt. Dessen Spuren verfolgt der Autor von »Schöne neue Welt« zurück zu seinen Schriftstellerkollegen William Wordsworth und Charles Dickens. Von Wordsworth stammt der erstaunliche Satz, das Kind sei der Vater des Mannes. Aldous Huxley hält dagegen: »Für alle früheren Autoren war der Mann immer und ganz fraglos der Vater des Kindes; mit anderen Worten, die erwachsenen Interessen und Werte standen auf einer höheren Stufe als die der Kindheit.« Dieses Verhältnis habe sich seitdem umgekehrt.

Videorezension von Ellen Kositza.